Untersuchungen zum Einfluss neuroendokriner und
neuroinflammatorischer Mechanismen bei MCS
B. Knabenschuh*, F. Bartram# und W.P. Bieger*
*Medizinisch Immunologische Laboratorien,
München #Umweltmedizinische Schwerpunktpraxis,
Weißenburg
Schlüsselwörter: MCS – Substanz P - neurogene
Entzündung – IGF-I - Cortisol – DHEAS - ACTH (adrenocorticotropes
Hormon, Corticotropin) – Corticoid Releasing Factor (CRF) –
Transcortin
Einleitung Das Krankheitsbild
MCS „Multiple Chemical Sensitivity“ wurde in den 80er Jahren
erstmals in den USA definiert (Cullen 1987). Im Laufe der Jahre
wurden vor allem in den USA eine Reihe von Studien veröffentlicht,
die im wesentlichen die Abklärung der Symptome zum Thema hatten
(Bartha et al, 1999, AAAAI 1999). MCS wird geprägt durch heftige und
multiple Beschwerden in diversen Organsystemen, ausgelöst durch eine
Vielzahl von Expositionen gegenüber unterschiedlichsten Chemikalien
auch in niedrigster Dosierung. Typische Auslöser sind Pestizide,
Metalle, organische Lösungsmittel sowie Verbrennungsprodukte und
Schadstoffgemische (Maschewsky, 1999). Trotz vielfältigster
Bemühungen gibt es bislang keine validen Labortests zur
Diagnosestellung des „MCS-Syndroms“, was auch die Anerkennung als
eigenständiges Krankheitsbild wesentlich beeinträchtigt (Triendl et
al. 1999). In Deutschland wird MCS in erster Linie als psychogenes
Syndrom, als „Ökosyndrom“ oder eine Art „Chemikalienphobie“
interpretiert (Altenkirch 2000, Weiss 1998). Bis heute werden zwei
Theorien zur Ätiologie der Erkrankung favorisiert - die einer
immunologischen (immunotoxischen) und die einer neurologisch,
neurotoxischen Störung (Wiesmüller et al. 2001). Zuverlässige
diagnostische Daten stehen für die beiden Interpretationsmodelle
noch aus. Unsere Arbeitsgruppe hat den Versuch unternommen, mit
einem umfangreichen Panel etablierter, aber auch neuer
immunologischer, endokrinologischer und OxStress-Parameter bei einem
Kollektiv von Patienten mit gesichertem MCS zu weiterführenden
diagnostischen Konzepten zu kommen. Die immuntoxisch,
inflammatorischen Ergebnisse und die Beobachtungen zur
OxStress-Situation bei MCS wurden bereits zusammengefasst (Mayer,
2002; Bieger, 2002). In der vorliegenden Zusammenfassung werden die
(neuro)endokrinologischen Ergebnisse der Untersuchungen vorgestellt
und diskutiert.
Patienten und Methoden Auswahl
des Kollektivs und Methodik des Provokationstests: Jeder
Teilnehmer erhielt einen ausführlichen Anamnesebogen (nach C.
Miller), worin er zu Vorerkrankungen, Lebensumfeld, Exposition,
Symptomen und Umgebungsrisiken befragt und nach dem von Miller
entwickelten Bewertungsscore eingestuft wurde. Anhand der Auswertung
dieses Anamnesebogen wurden 40 Patienten (27 weibliche im Alter von
24 – 64 Jahren und 13 männliche im Alter von 21 – 55 Jahren)
ausgewählt, deren Erkrankungsdauer im Mittel bei 5.6 Jahren lag. Als
Kontrollgruppe dienten 19 gesunde Personen (11 weibliche von 21 – 53
Jahren und 8 männliche von 18 bis 45 Jahren). Die Teilnehmer an
der Studie (MCS-Patientenkollektiv und gesunde Kontrollgruppe)
wurden einem standardisierten Provokationstest unterzogen. Ein
Lösungsmittelgemisch wurde für 30 sec tief eingeatmet. Vorher, sowie
60 und 180 min nach Exposition, wurde eine Blutentnahme
durchgeführt. Neben immunologischen und OxStress-Parametern wurden
folgende Neurotransmitter und Hormone gemessen: TSH, Cortisol, ACTH,
IGF-I, DHEAS, CRF/Corticoid Releasing Factor, Transcortin sowie das
Neuropeptid Substanz P. Die Messungen wurden mit Immunoassays
durchgeführt: freies IGF-I als RIA nach Extraktion (DSL),
Transcortin RIA (Biosearch), Corticoid releasing Factor RIA
(Immundiagnostik), Substanz P EIA (Elisa Design INC.), DHEAS,
Cortisol und TSH mittels Elecsys (Roche). Alle Plasmaproben
wurden unmittelbar nach Entnahme eingefroren und zusammen in einem
Testansatz gemessen.
Ergebnisse und Diskussion Substanz
P Nach chemischer Reizung von Chemo-/Nocirezeptoren
sensorischer Nervenendigungen werden inflammatorische Neuropeptide
wie Substanz P (SP), Neurokinine oder Calcitonin-Gene-related
Protein (CGRP) lokal oder distal ausgeschüttet und können eine
neurogene Entzündung verursachen, die bereits früher als Ursache der
MCS-Symptomatik diskutiert wurde (Meggs, 1995, Cerinic et al 1998,
Kuklinski, 2002). Die Ausschüttung von Substanz P kann u.a. durch
Zigarettenrauch, Äther, Capsicain oder auch Nikotin induziert werden
(Nielsen et al. 1991). Neurogene Inflammation mit neurogenem
Switching wird bei vielen Erkrankungen diskutiert, u.a. bei
rheumatoider Arthritis, Migräne, Fibromyalgie, Sick-Building
Syndrom, Pseudoallergien, Depressionen, Schizophrenie, Angst,
Urtikaria, Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten, Rhinitis und Asthma.
Russel zeigte (1994), dass bei Patienten mit Fibromyalgie im Liquor
Substanz P bis zu dreifach gegenüber Normalpersonen erhöht ist.
Während chemische Reizstoffe direkt an periphere Chemorezeptoren
binden und Neuropeptide wie Substanz P ausschütten, können Allergene
indirekt über Mediatoren wie Histamin aus Mastzellen sensorische
Nervenfasern aktivieren und nach zentraler Umschaltung analoge
Entzündungsreaktionen in der Peripherie initiieren.

Bild 1: Neurogenes Switching:
Chemikalien binden an Chemorezeptoren der C-Fasern, die ein
afferentes Signal zum ZNS senden. Nach Umschaltung auf efferente
Nerven kommt es unter anderem zur Degranulation von Mastzellen und
direkte Wirkung auf Effektorzellen zur Entzündung.
Die Reizung von Chemorezeptoren in der Nase
(Abb. 1) hat ebenfalls die Ausschüttung von Neurotransmittern wie
Substanz P in efferenten Nervenfasern zur Folge, verbunden mit
Schmerz, Kontraktion von glatten Muskelzellen und Vasodilatation
(Nielsen 1991). Weitere mögliche Folgen sind die neurogene
Degranulation von Mastzellen mit Histaminfreisetzung und die
Aktivierung des Immunsystems. Substanz P ist in der Lage, die
Arachidonsäure-Entzündungskaskade und die Lipoxygenase zu
stimulieren, was die Synthese des inflammatorischen Prostaglandins
E2 fördert (Gexse et al 1999). Die immunologischen Wirkungen von
Substanz P betreffen die Induktion inflammatorischer Zytokine wie
Interleukin 1, 6 oder 8 und Tumor-Nekrosefaktor-alpha. Diese
proinflammatorischen Wirkungen werden allerdings nicht über den
nukleären Transferfaktor NF-kB sondern über eine p38-Proteinkinase
vermittelt (Fiebich, 2000, Prang et al., in Vorbereitung). Darüber
hinaus wurde gezeigt, dass Neuropeptide das Aktivitätsniveau der
T-Zellen unmittelbar wahrscheinlich über einen Substanz P-Rezeptor,
ohne Beteiligung adäquater Antigene, beeinflussen und TH1-Zellen zur
Sekretion TH2-typischer Zytokine wie IL-4 (IL-10) oder TH2-Zellen
zur Sekretion des TH1-Zytokins IFN-gamma (IL-2) veranlassen können
(Levite, 2001, TenBorkum et al., 2000). Demnach geht die Mitwirkung
von Neuropeptiden an der Regulation der Immunität weit über die
Induktion von entzündlichen Reaktionen hinaus und stellt sich als
zentrales Element der Neuroimmunachse dar (Petrovsky, 2001). In
der vorliegenden Studie wurde Substanz P im Verlauf eines nasalen
Provokationstests bei bzw. Kontrollen) veränderten sich die Substanz
P-Werte im Zeitverlauf nicht signifikant. Allerdings zeigte sich,
dass die basalen Substanz P-Werte der Patientengruppe im
Durchschnitt etwa 50% unter den Werten der Kontrollgruppe lagen
(Abb. 2).

Bild 2: Substanz P: Der Vergleich
von Patienten- und Kontrollpopulation unter Provokation. Es fällt
hier der deutlich niedrigere Gesamtspiegel an Substanz P bei der
Patientenpopulation gegenüber der Kontrollgruppe auf.
Am chronischen Entzündungsmodell der Arthritis wurde
kürzlich gezeigt, dass die Funktionscharakteristik des peripheren
Nervensystems zwei Phasen aufweist: zunächst kommt es zur neurogenen
Entzündung durch Sensibilisierung und Stimulierung der Nervenfasern
mit Freisetzung von Neuropeptiden und vermehrter Synthese. Im
weiteren Verlauf der Entzündung kann es jedoch dann zur Zerstörung
von Nervenfasern mit Depletion der wirksamen Neuropeptide und damit
zu einem Abklingen der Entzündungsreaktion kommen. Während der
Remission regeneriert sich das Nervengewebe und der Kreislauf setzt
erneut ein (Cerinic et al. 1998). Die erniedrigten Substanz
P-Serumspiegel der MCS-Patienten in unserer Studie könnten demnach
Folge einer chronischen neurogenen Entzündung mit Erschöpfung der
Neuropeptidbildung sein. Wir wissen andererseits zu wenig über die
Neuropeptidkinetik bei MCS-Patienten. Reagieren sie grundsätzlich
anders als Normalpersonen, indem sie primär (anlagebedingt?)
verstärkt Neuropeptide ausschütten und nach Manifestation der
Erkrankung umgehend in einen Zustand der Kapazitätserschöpfung
übergehen? Umso überraschender dann allerdings ihre hypersensible
Reaktion gegenüber Chemikalien, die unter diesen Bedingungen kaum
als neurogene Reaktion interpretiert werden könnte. Oder kommt es
erst nach Systemüberlastung mit häufig wiederholtem
Chemikalienkontakt und zunehmendem Toleranzverlust (nach Miller,
1997: TILT (‚Toxicant-induced Loss of Tolerance’) zur fixierten
Sensibilisierung mit Kapazitätseinschränkung bezüglich
Neuropeptidsynthese? Im Unterschied zu den hier dargestellten
Ergebnissen berichtete Kuklinski (2002) kürzlich über erhöhte
Serumwerte von Substanz P bei MCS-Betroffenen. Man muss davon
ausgehen, dass in diesem Fall Patienten untersucht wurden, die sich
möglicherweise in früheren Stadien der Erkrankung befanden.
HVL-NNR-Achse: Cortisol, ACTH und
Transcortin Cortisol wird in der Nebennierenrinde (NNR)
über das adrenocorticotrope Hormon (ACTH), das in der Hypophyse
(HVL: Hypophysenvorderlappen) gebildet wird, ausgeschüttet. ACTH
unterliegt seinerseits der Steuerung durch den hypothalamischen
Corticoid Releasing Factor, welcher wiederum über die periphere
Cortisolkonzentration geregelt wird (Abb. 3). Die
ACTH-Ausschüttung steigt in akuten Stresssituationen an. Chronischer
Stress ist mit erhöhtem ACTH/Cortisol-Sekretionsniveau verbunden,
sofern es sich um kompensierten Stress handelt. Bei Dekompensation
(‚Burn-Out-Syndrom’) sind demgegenüber erniedrigte
ACTH/Cortisolspiegel in der morgendlichen Peakphase vorherrschend,
bei zusätzlichem Stress bleibt der adäquate Cortisolanstieg aus.
Depressionen sind mit erhöhten Cortisolspiegeln assoziiert (Gold et
al. 2002, Galard et al. 2002). Bei chronischem Erschöpfungssyndrom
ist dagegen das morgendliche Cortisol meist niedrig und ein
adäquater Cortisolanstieg unter Stress bleibt aus (Nicolson et al.
2000).

Bild 3: Die
Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrindenachse und das
Immunsystem. Die Cortisol/DHEA-Ausschüttung wird über eine
Kaskade von Hormonen gesteuert und führt zur Ausschüttung von
proinflammatorischen (IL6) bzw. von Interleukin 2.
Bei den MCS-Patienten war Cortisol unter
Basalbedingungen niedrig normal, im Belastungstest fiel der Wert bis
zu 3 h nach Belastung bei allen Patienten ab (Abb. 4). Die
Durchführung des Provokationstests stellte für die Patienten eine
relevante Stressbelastung dar, wobei schon die Antizipation von
Stress eine erhebliche Cortisolausschüttung zu Folge haben kann
(Kirschbaum et al. 1993).

Bild 4: Cortisol: Es zeigt sich
innerhalb der untersuchten MCS-Gruppe ein Cortisolabfall um ca
10%
Auch ACTH fiel im Provokationstest zunächst ab und
kehrte erst 3 Stunden nach Stimulation zum Ausgangsniveau zurück
(Abb.5). Analog verlief die Sekretionskurve des CRF, die nach
Provokation ebenfalls von 51,23 über 39,12 auf 36,6 pg/ml abfiel
(Abb. 6). Das Cortisol-Transportprotein Transcortin blieb zu
allen Messzeitpunkten erwartungsgemäß unverändert, allerdings lagen
die Werte der Patientengruppe durchweg niedriger als bei
Kontrollen.

Bild 5: ACTH: Der ACTH-Spiegel
fällt zunächst etwas ab und steigt nach drei Stunden wieder an, aber
erreicht den Ausgangswert nicht.

Bild 6: Cortisol Releasing
Factor fällt im Verlauf der Belastung ab.
IGF-I IGF-I (Insulin-like
Growth Factor I) vermittelt zahlreiche Wirkungen des
Wachstumshormons. Auf Grund längerer Plasmahalbwertzeit ist er
besser als HGH selbst geeignet, die Verfügbarkeit von
Wachstumshormon zu messen. Der Serumspiegel ist außer von der
HGH-Ausschüttung auch von der Leberfunktion, von Insulin, ACTH,
DHEAS, TSH und LH/FSH abhängig. IGF-I lag bei den Patienten zwar
niedriger als bei der (etwas jüngeren) Kontrollgruppe, bewegte sich
jedoch im Normalbereich mit +1% Abweichung der weiblichen und +7%
Abweichung der männlichen Patienten vom Altersmedianwert. Der
Provokationstest hatte weder bei den Patienten noch bei den
Kontrollen signifikanten Einfluss auf das zirkulierende IGF-I.
DHEAS Dehydroepiandrosteron
wurde ebenfalls vor und bis 3 Stunden nach Provokation
gemessen. Sowohl bei der Patientengruppe als auch bei der
Kontrollgruppe war der Wert nach der Belastung nicht signifikant
verändert. Die weibliche Patientengruppe lag basal mit einem
Mittelwert von 168 µg/dl etwas über dem rechnerischer
Altersmedianwert, die männliche Patientengruppe mit 211 µg/dl jedoch
16% unter dem entsprechenden Alterswert (252 µg/dl). DHEAS ist
neben seiner Funktion als zirkulierendes Prohormon der
Steroidhormone in mehrfacher Hinsicht ein eigenständig wirksamer
Agonist, u.a. mit ausgeprägt Cortisol-antagonistischem Profil. Auf
Ebene der zellulären Immunität wirkt DHEAS u.a. stimulierend auf die
NK-Zellfunktion und steigert die T-Zellaktivität, wobei es vor allem
die zelluläre Immunantwort (TH1-Zellen) stimuliert.
Zusammenfassung Bei 40 Patienten
mit länger bestehender MCS-Erkrankung wurde das Ausmaß
neuroinflammatorischer und neuroendokriner Funktionsveränderungen
untersucht. In einer vorangehenden Untersuchungsreihe (Mayer, 2002)
war bei den MCS-Patienten eine gravierende Veränderung der
zellulären Immunfunktion mit Aktivierung und Hyperreagibilität der
TH1-Zellen festgestellt worden, bei denen sowohl in vivo als auch in
vitro nach chemischem Reiz das proinflammatorische Zytokin
gamma-Interferon dominierte und das antagonistische Interleukin 10
defizient war. Die pathophysiologischen Grundlagen der
hyperinflammatorischen Reaktionslage bei MCS-Patienten sind offen.
Vielfach wurden bereits in der Vergangenheit ( Meggs, 1995, Cerinic
et al. 1998, Winder 2002) und werden aktuell (Kuklinski, 2002)
neuroinflammatorische Mechanismen als Ursache des MCS diskutiert.
Dabei steht Substanz P im Mittelpunkt, die bei chemischer Reizung in
peripheren oder zentralen Nerven ausgeschüttet wird und endokrine,
entzündliche und spezifisch-immunologische Reaktionen triggern kann.
SP aktiviert unabhängig vom NFkB-Reaktionsweg inflammatorische
Immunreaktionen. In direktem Kontakt mit T-Zellen kann die
Ausschüttung von Zytokinen einschließlich des inflammatorischen
Zytokins gamma-Interferon induziert werden (Fiebich et al. 1990,
Weinstock et al. 2000, TenBokum et al. 2000). Demnach könnte
chronische Aktivierung des neuroinflammatorischen Reaktionsweges mit
Ausschüttung von SP für die TH1-Aktvierung bei MCS mitverantwortlich
sein. Als mögliche Ursache erhöhter SP-Aktivität kommt u.a. Mangel
an Somatostatin in Betracht, das ein direkter SP-Antagonist von SP
ist und auf Ebene des Immunsystems die Sekretion von gamma-IFN hemmt
(Ten-Bokum, 2000). Substanz P fand sich allerdings
überraschenderweise nicht in erhöhter Konzentration, sondern
durchweg signifikant erniedrigt bei MCS-Patienten. Unter
Berücksichtigung früherer Berichte über erhöhte SP-Werte bei MCS
(Kuklinski, 2002) sind die jetzigen Befunde bei lange bestehender
MCS-Symptomatik am ehesten im Sinne einer Erschöpfung der
SP-Produktion zu verstehen. Hierfür spricht auch der fehlende
SP-Anstieg nach Reizstoffprovokation. Veränderter SP-Metabolismus
mit verkürzter Plasmahalbwertzeit kommt allerdings ebenfalls in
Betracht. Die Klärung dieser Frage bleibt umfangreicheren
Untersuchungen vorbehalten. Die Messung von Substanz P in einem
Medium wie Speichel, wo deutlich höhere Konzentrationen vorkommen
und deutlich sensitivere Reaktionen auf externe Einflüsse messbar
sind, könnte außerdem neue Erkenntnisse liefern. Bei Vergleich der
Plasma- und Speichelkonzentrationen von Substanz P bei Patienten mit
chronischen Schmerzen wurden in Speichel dreifach höhere Werte als
im Plasma gefunden (Fischer et al, 1998). Die Stimulierbarkeit
von IFN-gamma nach direktem chemischem (in vitro) Reiz weist
allerdings darauf hin, dass andere Mechanismen an der
MCS-Problematik zumindest beteiligt sind. Eigene Ergebnisse (Bieger,
2002) deuten auf die Beteiligung von ROS hin, da auf verschiedenen
Ebenen eine signifikante Einschränkung der OxStress-Resistenz bei
MCS-Patienten feststellbar war. Dies spricht für die Beteiligung
sog. ROS-sensitiver zellulärer Faktoren wie NF-kB. Störung des
Redoxsgleichgewichts in der Zelle führt zur Aktivierung von NF-kB
und anderen nukleären Transferfaktoren (AP-1), die daraufhin in den
Zellkern einwandern und je nach Zellart und Agens verschiedenste
Genabschnitte aktivieren können – insbesondere die Gene
proinflammatorischer Zytokine - einschließlich IFN-gamma (Lawrence
et al. 2001, Pall, 2001). Es bleibt zu klären, ob Redox-sensitive
Faktoren wie NF-kB tatsächlich bei MCS involviert sind. Die
Veränderungen der HVL-NNR-Achse mit verminderter
CRF-ACTH-Cortisolbereitstellung und insuffizienter Reaktion auf
adäquaten chemischen Reiz, die wir bei den MCS-Patienten
beobachteten, besitzen kaum diagnostischen Wert für MCS. Bei
verschiedenen anderen Krankheitsbildern, z.B. CFS (Parker, A.J.
2001), finden sich - meist ausgeprägtere - Zeichen der
NNR-Insuffizienz. Für die Behandlung des MCS könnten sich allerdings
aus diesen Beobachtungen eventuell wertvolle Ansätze ergeben.
Summary In 40 patients with
long lasting MCS disease the degree of neuroinflammatory and
neuroendocrine abnormalities was analysed. In a previous study
(Mayer, 2002) a fundamental change in cellular immunity had been
detected with activation and hyperreagibility of TH1 cells. In vivo
as well as in vitro the proinflammatory cytokine gamma-interferon
dominated while the antagonistic cytokine interleukin 10 was
functionally deficient. The reasons for the hyperinflammatory state
in MCS patients are not clear. Many times neuroinflammatory
mechanisms have been ( Meggs, 1995, Cerinic et al. 1998, Winder
2002) and are still discussed (Kuklinski, 2002) as the cause of MCS.
The focus is on substance P which is secreted after chemical
irritation of peripheral and central nerves thereafter triggering
endocrine, inflammatory and specific immunologic reactions. SP
activates independent of the NF-kB pathway inflammatory immune
reactions. SP can induce in direct contact with T cells the release
of cytokines including the inflammatory cytokine gamma-interferon
(Fiebich et al. 1990, Weinstock et al. 2000, TenBokum et al. 2000).
Thus chronic activation of neuroinflammatory pathways with release
of substance P could be implicated in the TH1 activation in MCS. One
reason for the chronic inflammatory state of MCS could be a
deficient somatostatin pathway, which serves as a direct SP
antagonist and inhibits the secretion of gamma-interferon (TenBokum,
2000). Surprisingly, the concentration of SP was not increased but
constantly decreased in the MCS patients. Regarding previous
reports on increased levels of SP in MCS patients our present
results may be understood in terms of depletion of SP production
(Kuklinski, 2002). The failure in SP increase after chemical
provocation points to the same direction. Disturbed SP metabolism
with shortened plasma half time could be the cause as well. The
measurement of SP in saliva where much higher concentrations occur
could finally give more reliable results. The determination of
plasma and saliva concentrations of substance P in patients with
chronic pain produced 3 times higher values in saliva compared to
plasma (Fischer et al, 1998). The activation of IFN-gamma
following direct in vitro challenge with chemicals strongly points
to the involvement of other mechanisms as well. Results of our own
group (Bieger, 2002) raise the possibility that ROS are involved
since we saw at different levels a significant decrease in oxidative
stress resistance in MCS patients. Thus redox-sensitive transfer
factors like NF-kB (AP-1) could be activated in MCS pass over into
the nucleus and activate a multitude of genes depending on the type
of cell and the type of agent involved – in particular
proinflammatory cytokine genes – including gamma interferon
(Lawrence et al. 2001, Pall, 2001). It remains to be clarified in
future studies if NF-kB is involved in MCS. The changes in the
activity of the HHV-adrenal axis with decreased concentrations of
CRF, ACTH and cortisol and inadequate response to chemical stress we
found in MCS patients may be of little diagnostic value. In several
other diseases like CFS (Parker, A.J. 2001) more pronounced signs of
adrenal insufficiency can be found. Nevertheless the present
observations could be of value in the treatment of MCS.
Keywords: MCS – Substance P –
neurogenic inflammation – HVL-NNR-Axis (Pituitary-Adrenal-Axis) –
endocrinological and neurological influences on
?-Interferon.
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